Wie werden Kunststoffe in der FEM-Berechnung modelliert?

Michael ·
Gebrochenes Kunststoffbauteil beim Stresstest mit sichtbaren Verformungszonen und Materialspannungsgradienten auf einem Werkstattbench.

Kunststoffe werden in der FEM-Berechnung durch nichtlineare Materialmodelle abgebildet, die das komplexe Verformungsverhalten dieser Werkstoffe erfassen. Anders als Metalle zeigen Kunststoffe ausgeprägte Nichtlinearitäten, Kriechverhalten und eine starke Abhängigkeit von Temperatur und Belastungsrate. Die folgenden Abschnitte beantworten die wichtigsten Fragen zur Modellierung von Kunststoffen in der FEM-Simulation.

Warum unterscheidet sich die Modellierung von Kunststoffen von Metallen in der FEM?

Kunststoffe verhalten sich grundlegend anders als Metalle, weil ihr mechanisches Verhalten stark von Zeit, Temperatur und Belastungsgeschwindigkeit abhängt. Während Metalle im elastischen Bereich einem linearen Spannungs-Dehnungs-Zusammenhang folgen, zeigen Kunststoffe bereits bei kleinen Dehnungen nichtlineares Materialverhalten, Kriechen und Relaxation. Eine einfache lineare Elastizitätsrechnung führt bei Kunststoffen regelmäßig zu falschen Ergebnissen.

Metalle lassen sich in vielen technischen Anwendungen mit dem Hookeschen Gesetz und einem konstanten Elastizitätsmodul beschreiben. Bei Kunststoffen ist der Sekantenmodul dehnungsabhängig und kann sich über die Belastungsdauer hinweg deutlich verändern. Dazu kommt, dass Kunststoffe unter Dauerlast fließen, auch wenn die aufgebrachte Spannung weit unterhalb der Streckgrenze liegt. Dieses Kriechverhalten muss in der Simulation explizit berücksichtigt werden, sonst unterschätzt das Modell die realen Verformungen erheblich.

Ein weiterer wesentlicher Unterschied ist die Kompressibilität. Viele Kunststoffe, besonders Elastomere, sind nahezu inkompressibel, was besondere Anforderungen an die Netzstruktur und die Wahl der finiten Elemente stellt. Für solche Materialien werden spezielle Formulierungen wie gemischte Elemente oder reduzierte Integration eingesetzt, um numerische Instabilitäten zu vermeiden.

Welche Materialmodelle werden für Kunststoffe in der FEM verwendet?

Für die FEM-Berechnung von Kunststoffen kommen je nach Werkstofftyp und Belastungssituation unterschiedliche Materialmodelle zum Einsatz. Thermoplaste werden häufig mit elastisch-plastischen oder viskoelastischen Modellen beschrieben, Elastomere mit hyperelastischen Formulierungen wie dem Mooney-Rivlin- oder dem Neo-Hooke-Modell.

Die Auswahl des passenden Werkstoffmodells hängt von der Art des Kunststoffs und dem Lastfall ab:

  • Elastisch-plastische Modelle eignen sich für Thermoplaste unter kurzfristiger Belastung, bei denen plastische Verformung auftreten kann.
  • Viskoelastische Modelle bilden das zeitabhängige Verhalten unter Kriech- und Relaxationsbedingungen ab.
  • Hyperelastische Modelle werden für Elastomere und Weichkunststoffe verwendet, die große reversible Deformationen zeigen.
  • Viskoplastische Modelle kombinieren zeitabhängige und plastische Effekte und sind für hochbeanspruchte Thermoplaste unter dynamischer Last geeignet.

In der Praxis ist oft eine Kombination mehrerer Modellansätze notwendig, um das reale Materialverhalten über den gesamten relevanten Dehnungs- und Temperaturbereich korrekt zu erfassen. Die Kalibrierung dieser Modelle anhand experimenteller Daten ist dabei ein zentraler Schritt.

Wie werden viskoelastische Eigenschaften von Kunststoffen in der FEM abgebildet?

Viskoelastische Eigenschaften von Kunststoffen werden in der FEM durch Prony-Reihen oder generalisierte Maxwell-Modelle beschrieben. Diese mathematischen Formulierungen erfassen, wie die Steifigkeit eines Kunststoffs mit der Zeit abnimmt und wie das Material unter konstanter Dehnung relaxiert oder unter konstanter Last kriecht.

Das generalisierte Maxwell-Modell besteht aus mehreren parallel geschalteten Feder-Dämpfer-Elementen. Jedes Element repräsentiert einen Relaxationsprozess mit einer charakteristischen Zeitkonstante. Die Summe dieser Terme, ausgedrückt als Prony-Reihe, beschreibt das frequenz- und zeitabhängige Verhalten des Werkstoffs über einen weiten Bereich.

Für die Parametrierung werden in der Regel dynamisch-mechanische Analysen (DMA) durchgeführt, aus denen Speicher- und Verlustmodul als Funktion der Frequenz und Temperatur gewonnen werden. Mit dem Zeit-Temperatur-Superpositionsprinzip lässt sich daraus eine Masterkurve erstellen, die das Materialverhalten über viele Dekaden der Belastungszeit abbildet. Diese Masterkurve bildet die Grundlage für die Prony-Reihen-Anpassung im FEM-Modell.

Welche Materialdaten werden für eine FEM-Simulation mit Kunststoffen benötigt?

Für eine belastbare FEM-Simulation mit Kunststoffen werden neben dem Elastizitätsmodul und der Querkontraktionszahl auch temperaturabhängige Kennwerte, Kriechparameter und gegebenenfalls Bruchkennwerte benötigt. Der genaue Datenbedarf richtet sich nach dem gewählten Materialmodell und dem Lastfall.

Typische Materialdaten für die Kunststoff-Simulation umfassen:

  • Spannungs-Dehnungs-Kurven bei verschiedenen Dehnraten und Temperaturen
  • Kriechkurven unter konstanter Last über die relevante Betriebsdauer
  • Relaxationskurven für viskoelastische Modellierung
  • Wärmeausdehnungskoeffizient und thermische Leitfähigkeit für thermomechanische Analysen
  • Dichte und spezifische Wärmekapazität bei thermisch gekoppelten Simulationen

Datenblätter der Hersteller reichen für anspruchsvolle Simulationen oft nicht aus, weil sie nur Standardbedingungen abdecken. Für genaue Ergebnisse sind eigene Werkstoffprüfungen unter den tatsächlichen Einsatzbedingungen häufig unumgänglich. Besonders bei erhöhten Temperaturen oder langen Betriebszeiten weichen Herstellerangaben erheblich vom realen Verhalten ab.

Wie beeinflusst die Faserverstärkung die FEM-Modellierung von Kunststoffbauteilen?

Faserverstärkte Kunststoffe, etwa glasfaser- oder kohlefaserverstärkte Thermoplaste, weisen ein anisotropes Materialverhalten auf, das in der FEM durch richtungsabhängige Steifigkeitsmatrizen abgebildet werden muss. Die Faserorientierung im Bauteil hängt vom Fertigungsverfahren ab und ist selten gleichmäßig verteilt.

Bei spritzgegossenen Bauteilen aus faserverstärktem Kunststoff variiert die lokale Faserorientierung je nach Wanddicke, Anschnittlage und Fließweg. Um diesen Effekt in der Struktursimulation zu berücksichtigen, wird die Faserorientierung häufig aus einer vorgelagerten Füllsimulation übernommen und als Mapping in das FEM-Modell übertragen. Werkzeuge wie Moldflow oder Cadmould liefern dafür die nötigen Orientierungstensoren.

Ohne diese Kopplung von Prozess- und Struktursimulation kann die tatsächliche Steifigkeit und Festigkeit eines faserverstärkten Bauteils systematisch falsch eingeschätzt werden. Besonders bei sicherheitsrelevanten Bauteilen ist die Berücksichtigung der lokalen Anisotropie deshalb kein optionaler Schritt, sondern ein notwendiger Bestandteil einer belastbaren Strukturanalyse.

Was sind typische Fehlerquellen bei der FEM-Simulation von Kunststoffbauteilen?

Die häufigsten Fehler bei der FEM-Simulation von Kunststoffen entstehen durch die Verwendung ungeeigneter Materialmodelle, unvollständige oder falsch konditionierte Materialdaten sowie eine zu grobe Vernetzung in Bereichen mit großen Dehnungsgradienten. Jeder dieser Fehler kann die Aussagekraft der Simulation grundlegend einschränken.

Konkret treten in der Praxis folgende Fehlerquellen auf:

  • Lineares Materialmodell für einen Kunststoff, der unter Last deutlich nichtlinear reagiert
  • Vernachlässigung der Temperaturabhängigkeit, obwohl das Bauteil im Betrieb Temperaturschwankungen ausgesetzt ist
  • Fehlende Kriechparameter bei Langzeitbelastungen, sodass Verformungen unterschätzt werden
  • Ignorierte Faserorientierung bei faserverstärkten Werkstoffen
  • Unzureichend feine Vernetzung in Kerbzonen, Wanddickenübergängen oder Kontaktbereichen
  • Verwendung von Herstellerdaten ohne Validierung am realen Werkstoff unter Einsatzbedingungen

Auch die Randbedingungen spielen eine wichtige Rolle. Zu starre Einspannungen oder vereinfachte Kontaktbedingungen können Spannungsspitzen erzeugen, die im realen Bauteil so nicht auftreten. Eine kritische Überprüfung der Modellierungsannahmen vor der Auswertung ist deshalb fester Bestandteil jeder seriösen Simulation.

FEM-Berechnung von Kunststoffen mit CE-SYS Engineering

CE-SYS Engineering unterstützt technische Projektleiter bei der Auslegung und Simulation von Kunststoffbauteilen, von der Auswahl des geeigneten Materialmodells bis zur Interpretation der Simulationsergebnisse. Das Leistungsangebot umfasst:

  • Auswahl und Parametrierung geeigneter Werkstoffmodelle für Thermoplaste, Elastomere und faserverstärkte Kunststoffe
  • Nichtlineare Strukturanalysen unter statischer und dynamischer Belastung
  • Kopplung von Prozess- und Struktursimulation für faserverstärkte Spritzgussbauteile
  • Langzeitanalysen mit Kriech- und Relaxationsmodellen
  • Bewertung von Spannungen und Verformungen nach relevanten Regelwerken

Wenn Sie ein Bauteil aus Kunststoff simulieren möchten und unsicher sind, welches Materialmodell für Ihren Lastfall geeignet ist, sprechen Sie uns direkt an. Über unser Kontaktformular erreichen Sie unsere Ingenieure für eine erste fachliche Einschätzung.

Ähnliche Artikel