Wie wird die Tragfähigkeit einer Schweißnaht nachgewiesen?

Michael ·
Nahaufnahme einer Schweißnaht an einem Stahlträger mit Kraftmessgerät, industrielle Werkstatt im Hintergrund.

Die Tragfähigkeit einer Schweißnaht wird durch einen rechnerischen Nachweis erbracht, bei dem die auftretenden Schweißnahtspannungen den zulässigen Werten des jeweiligen Regelwerks gegenübergestellt werden. Ob dieser Nachweis als statischer Festigkeitsnachweis oder als Ermüdungsnachweis geführt wird, hängt von der Belastungsart und dem Einsatzgebiet der Konstruktion ab. Die folgenden Abschnitte klären die wichtigsten Fragen rund um Normen, Berechnungsverfahren, Nahtgüte und typische Fehlerquellen.

Welche Normen gelten für den Schweißnahtnachweis?

Der Schweißnahtnachweis richtet sich nach dem Anwendungsbereich der Konstruktion. Im allgemeinen Stahlbau gilt die DIN EN 1993 (Eurocode 3), im Maschinenbau wird häufig die FKM-Richtlinie herangezogen, und für Druckbehälter greift die AD 2000-Merkblattsammlung oder die DIN EN 13445. Für Krankonstruktionen ist die DIN EN 13001 maßgebend.

Die Wahl der Norm bestimmt nicht nur das Rechenverfahren, sondern auch die zulässigen Spannungswerte, die geforderten Prüfklassen und die anzusetzenden Sicherheitsbeiwerte. Technische Projektleiter sollten deshalb bereits in der Planungsphase festlegen, welches Regelwerk für das jeweilige Bauteil verbindlich ist. Werden mehrere Normen parallel angewendet, etwa bei exportorientierten Maschinen, müssen die strengeren Anforderungen identifiziert und eingehalten werden. Eine Verwechslung oder willkürliche Normenwahl ist einer der häufigsten Gründe, warum ein Nachweis im Prüfverfahren nicht anerkannt wird.

Wie wird die Schweißnahtspannung berechnet?

Die Schweißnahtspannung wird aus den einwirkenden Kräften und Momenten sowie der wirksamen Nahtfläche ermittelt. Für eine Kehlnaht ergibt sich die maßgebende Spannung aus der Normalspannung senkrecht zur Nahtachse, der Schubspannung parallel zur Nahtachse und der Schubspannung senkrecht zur Nahtachse, die nach dem Nennspannungskonzept vektoriell überlagert werden.

Grundlage ist die sogenannte Kehlnahtdicke (a-Maß), die als Höhe des einbeschriebenen gleichschenkligen Dreiecks im Nahtquerschnitt definiert ist. Die wirksame Nahtlänge ergibt sich aus der tatsächlichen Länge abzüglich der Endkrater. Aus diesen Größen lässt sich die Nahtfläche berechnen, auf die dann die resultierenden Schnittgrößen bezogen werden. Bei Stumpfnähten mit Volldurchschweißung wird in vielen Normen die Nahtspannung vereinfacht über den Grundwerkstoffquerschnitt berechnet, sofern die Naht als gleichwertig zum Grundwerkstoff eingestuft ist.

Komplexere Verbindungen mit mehrachsigen Beanspruchungen oder geometrischen Diskontinuitäten lassen sich mit dem Nennspannungsverfahren allein nicht zuverlässig erfassen. In solchen Fällen kommen das Strukturspannungskonzept oder das Kerbspannungskonzept zum Einsatz, die eine differenziertere Bewertung der lokalen Spannungszustände ermöglichen.

Was ist der Unterschied zwischen statischem und Ermüdungsnachweis?

Der statische Nachweis prüft, ob die Schweißnaht unter der maximal auftretenden Belastung nicht versagt. Der Ermüdungsnachweis bewertet dagegen, ob die Verbindung bei wiederholter, wechselnder oder schwellender Belastung über die geforderte Lebensdauer standhält, ohne dass ein Riss entsteht und sich ausbreitet.

Beim statischen Nachweis werden die Spannungen mit dem Streckgrenzenwert oder der Zugfestigkeit des Schweißgutes verglichen, multipliziert mit einem normbezogenen Sicherheitsbeiwert. Dieser Nachweis genügt für Bauteile, die im Wesentlichen ruhend belastet werden.

Der Ermüdungsnachweis ist erforderlich, wenn die Belastung zyklisch ist, also bei Maschinen, Kranen, Fahrzeugkomponenten oder schwingungsbehafteten Anlagen. Hier wird die Spannungsschwingbreite mit den Kerbfallkurven (Wöhlerkurven) des jeweiligen Regelwerks verglichen. Schweißnähte haben gegenüber dem Grundwerkstoff deutlich reduzierte Ermüdungsfestigkeiten, weil Kerben, Eigenspannungen und Gefügeveränderungen in der Wärmeeinflusszone die Rissinitiierung begünstigen. Die Einstufung in einen Kerbfall hängt von der Nahtart, der Nahtgeometrie und dem Prüfumfang ab.

Welche Nahtgüte und Prüfklasse ist erforderlich?

Die erforderliche Nahtgüte und Prüfklasse ergeben sich aus dem Sicherheitskonzept der angewendeten Norm und dem Beanspruchungsniveau der Verbindung. Höher beanspruchte Nähte, besonders bei Ermüdungsbeanspruchung, erfordern eine höhere Prüfklasse und damit einen größeren Prüfumfang durch zerstörungsfreie Prüfverfahren.

Im Stahlbau nach DIN EN 1090 werden Ausführungsklassen (EXC1 bis EXC4) definiert, die den Prüfumfang für Schweißnähte festlegen. Je höher die Ausführungsklasse, desto strenger sind die Anforderungen an die Qualifikation der Schweißer, die Schweißanweisung (WPS) und den Prüfumfang. Bei Druckgeräten schreibt die Druckgeräterichtlinie (2014/68/EU) in Verbindung mit den harmonisierten Normen bestimmte Prüfgruppen vor.

Für den Ermüdungsnachweis ist die Nahtgüte unmittelbar mit dem erreichbaren Kerbfall verknüpft: Eine geprüfte und nachgewiesene höhere Nahtgüte erlaubt die Einstufung in einen günstigeren Kerbfall und damit den Nachweis höherer Spannungsschwingbreiten. Wer in der Planung die Prüfklasse zu niedrig ansetzt, riskiert entweder einen nicht erfüllbaren Nachweis oder muss die Nahtgeometrie nachträglich anpassen.

Wann ist eine FEM-Simulation für Schweißnähte sinnvoll?

Eine FEM-Simulation für Schweißnähte ist dann sinnvoll, wenn analytische Handrechenverfahren die tatsächliche Spannungsverteilung nicht ausreichend genau abbilden, zum Beispiel bei komplexen Bauteilgeometrien, Krafteinleitungspunkten mit Steifigkeitssprüngen oder mehrachsigen Beanspruchungszuständen.

Mit der Finite-Elemente-Methode lassen sich sowohl Nennspannungen als auch Strukturspannungen und, bei entsprechend feiner Vernetzung, Kerbspannungen direkt am Modell ermitteln. Das ist besonders bei Bauteilen relevant, bei denen die Schweißnaht in einer Zone hoher Spannungsgradienten liegt, etwa an Ausschnitten, Anschlussblechen oder Rohrverbindungen. Die FEM-Berechnung für Schweißnähte erlaubt außerdem die Überprüfung von Verformungsverhalten und Eigenspannungszuständen, die analytisch kaum zu erfassen sind.

Für den Ermüdungsnachweis auf Basis von Strukturspannungen oder Kerbspannungen ist eine FEM-Simulation in vielen Fällen die einzige praktikable Methode. Wichtig ist dabei, das Modell so aufzubauen, dass die Nahtgeometrie und die Randbedingungen dem tatsächlichen Bauteilverhalten entsprechen. Fehler in der Modellierung, etwa eine zu steife Lagerung oder eine falsch angesetzte Nahtdicke, führen zu verfälschten Spannungsergebnissen.

Welche Fehler führen häufig zu einem ungültigen Schweißnahtnachweis?

Ein Schweißnahtnachweis wird ungültig, wenn die Berechnungsgrundlagen nicht zur gewählten Norm passen, wenn Lasten unvollständig erfasst werden oder wenn die Nahtgeometrie im Modell nicht der Ausführung entspricht. Diese Fehler lassen sich in drei Kategorien einteilen.

Fehler bei der Lastannahme

Werden Betriebslasten unterschätzt oder Lastfälle nicht vollständig kombiniert, ergibt sich eine zu geringe rechnerische Beanspruchung. Dynamische Zusatzkräfte, Eigengewichte von Anbauteilen oder Temperaturlasten werden in der Praxis häufig vernachlässigt. Für den Ermüdungsnachweis ist außerdem das Lastkollektiv entscheidend: Wer nur mit der Maximalspannung rechnet, anstatt die Häufigkeitsverteilung der Spannungsschwingbreiten zu berücksichtigen, erhält ein unrealistisches Ergebnis.

Fehler bei der Nahtbewertung

Ein verbreiteter Fehler ist die falsche Einstufung der Nahtart oder des Kerbfalls. Kehlnähte und Stumpfnähte haben unterschiedliche Traganteile und Kerbfallzuordnungen. Wird eine Kehlnaht wie eine vollständig tragende Stumpfnaht behandelt, führt das zu einer Überschätzung der Tragfähigkeit. Ebenso führt die Wahl eines zu günstigen Kerbfalls ohne entsprechenden Prüfnachweis dazu, dass der Nachweis zwar rechnerisch erfüllt ist, aber normativ nicht anerkannt wird.

Weitere häufige Fehlerquellen sind das Vergessen von Endkraterabzügen bei der wirksamen Nahtlänge, die Verwechslung von a-Maß und z-Maß sowie das Nichtberücksichtigen von Nahtunterbrechungen. Wer diese Punkte systematisch prüft, vermeidet die häufigsten Ursachen für einen ungültigen Nachweis.

Wie CE-SYS Engineering den Schweißnahtnachweis unterstützt

CE-SYS Engineering führt Schweißnahtberechnungen und Festigkeitsnachweise nach den geltenden Regelwerken durch, sowohl analytisch als auch auf Basis der Finite-Elemente-Methode. Das Team unterstützt technische Projektleiter dabei, Nachweise normgerecht und prüffähig aufzubereiten, bevor ein Bauteil in die Fertigung geht.

  • Schweißnahtberechnung nach DIN EN 1993, FKM-Richtlinie, AD 2000 und weiteren Normen
  • Statische und zyklische Festigkeitsnachweise für Schweißverbindungen
  • FEM-Simulation zur Ermittlung von Struktur- und Kerbspannungen an komplexen Geometrien
  • Kerbfallbewertung und Ermüdungsnachweis für dynamisch beanspruchte Bauteile
  • Prüfung und Optimierung bestehender Nachweisdokumentationen

Wenn Sie einen Schweißnahtnachweis für ein laufendes Projekt benötigen oder eine bestehende Berechnung auf Normkonformität prüfen lassen möchten, nehmen Sie direkt Kontakt auf.

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